Der unsittliche Synthesist

Gedankenversunken spielte er die fünf Töne auf dem kirchlichen Synthesizer vor sich hin. Er hatte einen geilen Sound gefunden und wurde von dem Quintett in den Bann gezogen. Minuten schon drückte er immer wieder die selben Tasten, mal intensiver, mal schwächer, mal langsamer, mal schneller. Unten auf den billigen Plätzen waren zwei dicke Männer eingeschlafen. Eine alte Frau blickte fragend in Richtung des Synthesisten. Sie wollte gerne laut protestieren, aber außer ihr schien es niemanden zu stören, und sie war nur in der Gruppe stark. Geduldig ließ sie die Monotonie über sich ergehen. Noch eine geschlagene halbe Stunde lang konnte und wollte sich der Synthesist nicht aus seiner Trance lösen. Dann aber hörte er abrupt auf und kam zu sich, realisierte, dass er Publikum hatte und blickte sich um. Alle waren sie noch da, auch die Kinder, die mit Opium ruhig gestellt wurden. Pflichtbewusst widmete er sich dem nächsten Stück, er wählte das passende Programm aus und begann die kraftvolle Melodie zu spielen. Das Publikum erwachte und klatschte Beifall, Tränen flossen, Unterwäsche flog, selbst die zugedröhntesten Kinder tanzten. Der Synthesist war eine solche Euphorie als Reaktion auf sein Spiel nicht gewohnt und konnte sein Glück kaum fassen. Er stellte sich vor, wie er die großen Städte der Welt bespielte und von allen Seiten Blumen auf die Bühne regneten.

Doch dann wurde er sich wieder der Realität bewusst. Er war gerade dabei, in der U-Bahn auf ein homosexuelles Pärchen zu onanieren. “Ach, was bin ich doch für ein Tagträumer!”, rief er den beiden lachend zu. Zum Leidwesen der anderen Fahrgäste unterließ er jede weitere Onanie und stieg bei der nächsten Station kopfschüttelnd aus.

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Posted in Deutsch, Short Stories

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