Führerimitator Hippolyt Greisenberger

Hippolyt Greisenberger war ein überaus talentierter Mann, der trotzdem immer wieder in seinem, an Entbehrungen nicht armen, Leben damit zu kämpfen hatte, eine Beschäftigung zu finden. Geboren an einem unfassbar warmen Montag im Winter 1949, war es Hippolyt Greisenbergers unfassbares Talent, dass das jüngste von 32 Kindern einer bettelarmen Innviertler Großfamilie, herausragen ließ und ihm schon früh die Aufmerksamkeit von Förderern, wie des Dorfpfarrers Pimmelbacher einbrachte. Später in seinem Leben sollte sich Greisenberger noch wünschen, dass ihm diese Art der Aufmerksamkeit vielleicht doch nicht widerfahren wäre, war dem lüsternen Pfarrer neben dem schier unglaublichen Talent auch die knäblich-schöne Unschuld des Knaben nicht entgangen.

Hippolyt Greisenberger war mit zwei Talenten gesegnet, und damit auch verflucht. So war er einerseits ein begnadeter Hitlerimitator – schon früh war dieses Talent erkannt worden und er war bereits mit vier Jahren so gut darin, dass er im damals noch besetzten Braunau einen Großeinsatz der Alliierten verursachte, als sich im Dorf herumsprach, der ehemalige Führer sei wieder aufgetaucht – andererseits war Greisenberger aber auch unfassbar talentiert darin, sich vor der Überfremdung zu fürchten. So gut, dass ihn Zeit seines Lebens der Ausruf bisweilen völlig Unbekannter begleitete: „Mensch! Der Junge fürchtet sich so sehr vor der Überfremdung, das fährt einem ja direkt in Mark und Bein!“

Schon früh in seinem Leben waren regelmäßige Auftritte in Funk und Fernsehen eine Konstante für den jungen Hippolyt Greisenberger. Dort bot er wechselweise seine Künste als Führerimitator und Sich-vor-der-Überfremdung-Fürchtender an und wurde nicht selten mit frenetischem Beifall bedacht. 1956, er war kaum sieben Jahre alt, rief ein Zuseher ganz aufgeregt ins Mikrofon: „Also dieser Junge, wie der sich fürchten kann, da ist ja unglaublich! Ich werde noch heute nach Hause gehen und meinen eigenen Kindern das Fürchten lehren!“ Und ein anderer begeisterter Fan gab 1960 zu Protokoll: „Also, ich muss ihnen schon sagen, ich war so überzeugt, dass das wirklich der Hitler war. Ich hab‘ schon zu meiner Frau gesagt, sie möge bitte die Reichsmark wieder vom Dachboden holen. Dann war das aber tatsächlich ein so ein junger Bursch – unglaublich!“

Der frühe Ruhm sollte aber auch gleichsam die lange Leidensgeschichte Greisenbergers einläuten. Als die Figur Hitler in der Aufarbeitung in Film und Fernsehen mehr und mehr Präsenz erfuhr und zusehends von professionellen Darstellern verkörpert wurde, sank die Nachfrage nach Hitlerimitatoren bei Kinder- und Rentnergeburtstagen plötzlich rapide. Niemand interessierte sich mehr für diese Kunstform. Die politische Offenheit der 60er und 70er brachte einen Niedergang der Überfremdungsangst mit sich, plötzlich beschäftigte sich niemand mehr damit und die Ängste des Hippolyt Greisenberger, die so gut und so echt waren, fanden keinen Widerhall mehr.

So starb er denn 1988, verarmt und verbittert in seiner Seniorenklause „Waldschratheim Rübenweg“ im Braunauer Ghetto. Kein Staatsbegräbnis und keine Laudatio, nur ein kleiner Grabstein auf dem nun steht: „Hippolyt Greisenberger, 1949-1988. Begnadeter Hitlerimitator und Weltklasse-Sich-vor-der-Überfremdung-Fürchtender ruht hier im Herrn, geliebt von seinen 148 Brüdern, Schwester, Enkeln und Urenkeln.“

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Professional circus clown turned Liberal Arts major and anarchist.

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