Artungerechte Löwendressur mit Gernulf Anrainer

Gernulf Anrainer, 1944 in Kleinhalm an der Ager geboren als Sohn von Erna Anrainer, einer unverbesserlichen Kriegsbefürworterin und Taubenkotsammlerin, und Rainer Anrainer, lange Zeit einziges zahlendes Mitglied der Waffen-SS und leidenschaftlicher Ausdruckstänzer, ist einer der bedeutendsten österreichischen Löwenbändiger der Nachkriegszeit.

Nachdem sein Vater bereits früh verstarb – Rainer Anrainer erlag 1949 den schweren Verletzungen, die er bei einem Seifenkistenrennen völlig unnötigerweise erlitt, unnötig deshalb, weil er einen ebenfalls anwesenden Zirkusbären mit einem Hoola-Hoop-Reifen provozierte, woraufhin ihn dieser mit seinen Pranken einfach entzweischlug – wuchs Gernulf Anrainer in bitterlicher Armut auf, da das Taubenkotbusiness in den Nachkriegsjahren stark unter dem Taubenkotimport aus den USA litt und seine Mutter so hart um das Brot für ihre zwölf Kinder kämpfen musste.

Aus der Armut heraus entwickelte der junge Gernulf bereits einen herausragenden Ehrgeiz, der sich vor allem darin äußerte, dass er seine Mitschüler täglich mit einer selbst gebauten Fleischpeitsche (kein sexuell konnotierter Euphemismus an dieser Stelle, tatsächlich bastelte der Junge sich eine Peitsche aus Schweine- und Rinderspeckresten) verdrosch. Er schlug sie zuerst grün, dann blau, dann gelb und damit wieder grün, danach wieder gelb und noch einmal so richtig blau. Es sollte den Kindern und Jugendlichen in Kleinhalm auf Jahre hin Scheisse gehen, so sie einmal den Weg des kleinen Anrainer kreuzten. Aus seiner Passion für die Peitschenprügelei erwuchsen zunächst vor allem länger werdende Jugendhaftstrafsätze, doch es war dem jungen Peitschenpassionisten nicht auszutreiben und so trat einst ein grenzgenialer Jugendpsychiater mit einem Ultimatum an den fünfzehnjährigen Anrainer heran: Es gäbe für ihn zwei Möglichkeiten – entweder stünde ihm der Gang  hinter schwedische Gardinen für die nächsten 578 Jahre bevor, oder aber er könne sich einem Zirkus anschließen und die Ausbildung zum Löwendompteur antreten. Nach reiflicher Überlegung, und nicht ohne den Jugendpsychiater vorher noch ordentlich windelweich zu prügeln, entschied er doch gegen den Knast und für die Zirkuskarriere.

Seine Karriere begann der junge Gernulf Anrainer schließlich im Zirkus Kotzfresse, ein klassischer Wanderzirkus mit Zentrale in Hamburg. Dort angekommen wurde das Talent des Peitschenenthusiasten schnell offensichtlich – keinem Dompteurlehrling war es zuvor gelungen die Löwen derart gehörig grün und blau zu schlagen, und jemals vorher nur eine Großkatze gesehen zu haben. Zur Legendenbildung trug sein erster Auftritt vor der Öffentlichkeit bei, bei dem ein anwesender Greenpeace-Beobachter aufgrund seines Schreckens ob der Löwenprügelei einen vierundzwanzigfachen Herzinfarkt erlitt. Geistesgegenwärtig hatte Anrainer die Situation damals erkannt und den Naturschützer aus den Publikumsrängen getragen und wiederbelebt, nur um ihn dann noch mal ordentlich mit der Peitsche grün, gelb und blau, anschließend zartrosa und dunkelviolett zu prügeln. Sein Stern am Zirkushimmel war fortan für immer ins Firmament geschrieben.

 

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Professional circus clown turned Liberal Arts major and anarchist.

Posted in Deutsch, Short Stories

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