Bizarre Szenen beim Landaugenarzt

Im Sprechzimmer des Landaugenarztes Dr. Giesbert Kalauer sitzen am Montagmorgen fünf Personen, dies sind:

Gisela Spitzbauer, 45, dorfbekannte Weinschlampe, zweimal verheiratet, jeweils mit demselben Mann, nämlich:

Gernulf Anrainer, 62, ehemaliger Star-Löwendompteur im Zirkus “Louis Fick’ dich ins Knie” (nicht zu verwechseln mit dem viel bekannteren Zirkus mit leicht ähnlichem Namen).

Speckbrauser Erna, 75, rüstige Rentnerin und begeisterte Kanarienvogelhalterin und – großes Geheimnis – die einzige im Dorf die sich jeden Sonntagmorgen vom Dorfdeppen durchvögeln lässt, sonst ist der Volkssport hier eher den Dorfdeppen vögeln.

Toni Dallas, geb. Vegas, 55, teilzeitarbeitsloser Hochzeitsmusiker und passionierter Stepptänzer, aufgrund schweren Übergewichts aber seit Jahren inaktiv.

Und Sprechstundenhilfe Sexlinde Rosetta Schwippschwager, 51, treue Mitarbeiterin in Dr. Kalauers Praxis seit über 25 Jahren.

Im Sprechzimmer herrscht Stille. Anrainer und Spitzbauer blicken einander mit einer Mischung aus Hass und Verlangen in die Augen, Frau Speckbrauser wetzt mit den Beinen, die sexuelle Spannung im Raum lässt die rattige Rentnerin kaum zum Atmen kommen. Toni Dallas hat, sehr zum Ungemach der Sprechstundenhilfe, vierundzwanzig Leberkässemmeln mitgebracht, allesamt mit Pfefferoni und scharfem Senf, und diese innerhalb von 13 Minuten aufgefressen. Das sind also fast zwei Semmeln pro Minute. Leise im Hinterkopf ärgert sich die Sprechstundendame und denkt sich “der speibt ma doch gleich alles voll, der arme Trottl.”

Plötzlich wird die Eingangstür ruckartig und laut aufgerissen. Brunzbichler Sepp, der Dorfdepp, fällt zur Tür herein, die Hände im schmerzverzerrten Gesicht bedecken die Augen fest. Gestützt wird er von einem in der Dorfgemeinde unbekannten, schneidigen Burschen. Als der seine Stimme erhebt wird klar, ein Wiener ist’s:

“Achtung, Notfall, Achtung! Ich mein, Bitte, schauen Sie sich das an! Der Dorfdepp ist mir da reing’laufen, ich glaub der braucht ur dringend einen Arzt!”

“Gengans, amal langsam do, wos is denn passiert?” entgegnet ihm Frau Schwippschwager kühl.

“Na, ich bin da so unterwegs g’wesen, eh ur nicht schnell, normal halt und dann ist mir er da entgegenkommen auf der Forststraße mit entblößten Unterleib und ich hab’s halt ur nicht mehr packt. Na, und dann bin ich halt unaufmerksam gewesen, eh nur für einen Moment, aber das hat halt gereicht.” erzählt der schneidige Jüngling aus Wien ganz aufgeregt.

“Bitte und wie wurde der Herr Dorfdepp verletzt? Legen’s ihn amal her do.” Die Sprechstundenhilfe bedeutet dem Jüngling den Dorfdeppen auf eine Bahre in der Mitte des Raumes zu legen.

“Ja, wie ich schon g’sagt hab’, ich war halt kurz abgelenkt, weil die Erektion vom Dorfdeppen schon auch beachtlich war. Da hab’ ich halt kurz die Kontrolle verloren und bin mit dem Moped auf die beachtliche Erektion drauf und dann voll dem Herrn Dorfdepp ins Auge g’fahren. Es tut mir eh so ur leid!” Der fesche junge Mann sah traurig drein und war ganz geknickt, weil ihm doch nichts ferner lag, als den Dorfdeppen verletzten zu wollen.

Frau Speckbrauser kann sich inzwischen schon kaum mehr halten – zu geil ist sie geworden vom ganzen Gerede von der Dorfdeppenerektion – und fummelt wild zwischen ihren Beinen herum, den Schoß noch durch die große Rentnerinnenhandtasche verborgen, so dass es möglichst niemand mitkriegt. Aber Löwenbändiger Anrainer hat es längst geschnallt und starrt die Alte lüstern an.

“Das wird schon halb so wild sein, so schnell können’s ja net gewesen sein auf der Forststraße. Schau’ amoi Brunzbichler, du oama Depp, des leg di hin und wort aufn Herrn Doktor, des wird wieder. Aso, hahaha, schau’n wird grod net so guat geh’n, goi? Hahaha.” Die Sprechstundenhilfe ist durch die Jahre des Dienstes am Dorfvolke pechschwarz in ihrem Humor geworden und eine gnadenlose Zynikerin vor dem Herrn.

Plötzlich springt die Tür zum Arztzimmer auf und heraus springt Dr. Kalauer wie ein Rumpelstilzchen, nur mit einem Arztkittel bekleidet und einem riesigen Glas Senf unterm Arm:

“Was ist das für ein Aufruhr in meiner Praxis?! Was is’ da los, was wird da g’spüt, im ganzen Haus kein Senf im Aug’?!”

Und zack, springt der Arzt im Kreis und schmiert den Patienten süßen Senf ins Auge: Erst der Spitzbauer, quer übers Gesicht, dann dem Anrainer und – Zack, Bumm – der Speckbrauser und dem Dallas eine extra Ladung voll auf die Augen. Dem Jüngling sticht er vorher noch eins mit der Spachtel in den Bauch, bevor er ihm das halbe Senfglas in die Augen schüttet. Der Jüngling bricht zusammen, offensichtlich noch nicht gewöhnt an die kontroverse Senftherapie des Dr. Kalauer: “Aua, spinnen Sie? Das tut doch ur weh. Aaaaahhh, uuuuhhhh, aua! Meine Augen tun ur weh jetzt, was soll denn das?!”

“Ah, Wiener sind wir offensichtlich? Na, da hab ich Sie vielleicht noch rechtzeitig erwischt! Senf ist gut für die Netzhaut und schützt erwiesenermaßen auch vor einer HIV-Infektion! Stellen Sie sich nicht so an, ein schneidiger, junger Mann wie Sie!” Brüllt der Landaugenarzt, als sich seine Aufmerksamkeit plötzlich auf den verletzten Dorfdeppen, hält er kurz inne und betrachtet den Dorfdeppen genau:

“Aber uuuuuh, was haben wir denn da?! Ja, ja, leichte Läsionen in der Netzhaut, Krümmung der Hornhaut, zweiten oder dritten Grades – da ist wohl jemand dem Dorfdeppen mit einem Gefährt ins Auge gefahren. Mit einem schwach motorisierten Zweirräder, wenn mich nicht alles täuscht. Schnell, Sexlinde, bring mir scharfen Senf, 25 Liter, 400ml Morphium, 2 Big Macs und ein bisschen was für den Patienten vielleicht auch. Hahahahaha!”

Noch bevor die Sprechstundenhilfe überhaupt loslaufen kann wird das Treiben im Sprechzimmer jäh unterbrochen: Der Senf im Auge des Teilzeithochzeitsmusikers Toni Dallas hat dessen, zum Bersten mit Leberkässemmeln gefüllten, Magen endgültig den Rest gegeben und aus seinem Halse bricht ein nicht enden wollender Schwall Leberkäskotze heraus, der das Sprechzimmer zu überfluten beginnt. Weil, wie bis zu diesem Zeitpunkt niemand realisiert hat, die Bahre in der Mitte des Zimmers auch eigentlich keine Bahre war, sondern vielmehr die Dauererektion des übergewichtigen Stepptänzers Dallas, der diese – mit dem ganzen Blut nun in Kopf, Magen und Hals – nicht länger halten kann, rasselt der Dorfdepp mit einem Mal hart zu Boden und ertrinkt erbärmlich im bis zu den Knien mit Kotze gefüllten Sprechzimmer.

Verdutzt greift sich Dr. Giesbert Kalauer auf den Kopf. Ein ganz normaler Tag in der Landaugenarztpraxis.

Advertisements

Professional circus clown turned Liberal Arts major and anarchist.

Posted in Deutsch, Short Stories

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: