In meinem Haus, da lebt ein Mann

In meinem Haus, da lebt ein Mann. Ich sehe ihn nicht oft, und doch weiß ich, dass er immer da ist. Er ist eigentlich nicht besonders, in keiner Hinsicht, besitzt keine Eigenschaften, die ihn herausragen lassen. Meistens ist er laut, was überrascht, denn man hört ihn eigentlich nicht nie, auch wenn er noch so schreit. Seine ist eine Stimme, die eigentlich nicht gehört werden kann, weil sie auf einer Ebene spricht, die uns fremd ist. Sein Geruch ist faul und doch riecht man ihn nicht. Bisweilen steht er direkt hinter mir und ich rieche ihn nicht. Dann dreh’ ich mich um und blick’ in sein ausdrucksloses Gesicht und mir fährt der Schrecken durch Mark und Bein. Da schrei’ ich dann, und er schreit zurück, aus voller Kehle, und keiner merkt was, als stünden wir gegen den Wind und der Wind trüge alles weg.

Der Mann in meinem Haus ist nicht schrecklich, er hat ja auch nichts an sich, das ihn schrecklich sein ließe, und doch macht er mir Angst. Unendliche Angst. Ich hasse ihn gar manchmal und wünschte er wär nicht in meinem Haus. Nichts könnt’ ich dir sagen, das an seinem Aussehen furchtbar wär und doch finde ich ihn unfassbar hässlich. Ich wünschte er wär weg, tot am besten, wobei, eigentlich egal, nur aus meinem Leben, eigentlich egal was mit seinem ist, solange es nicht mehr an meines rührt. Bisweilen frag ich mich, ob er überhaupt lebt – ich seh’ und hör’ ihn niemals atmen. Er schläft nicht, ist immer rast- und planlos. Manchmal kommt er nachts an mein Bett und legt sich zu mir. Das weiß ich nur weil ich dann irgendwann kreidebleich vor Schreck aufwache und ihn aus dem Zimmer huschen seh’, manchmal  ist’s auch nur sein Schatten im schwachen Morgenlicht, den ich davonhuschen seh’. “Hau’ ab hier! Du bist hier nicht erwünscht!”, schrei’ ich ihm dann nach, aber natürlich ist das vergebens.

Ich weiß, dass er mir nie etwas antun wird und doch bringt er mich beharrlich ins Grab, oder zu allermindest in den Wahnsinn. Wie wehrt man sich gegen einen Tunichtgut, der einem nichts Nahbares antut, anders als dass er bloß existiert. Er nimmt mir nichts, und doch kostet er mich das teuerste Gut – meine Ruhe. Wenn ich die Nachbarn nach ihm frage, so ist der Tenor ganz einhellig ahnungslos. Niemand weiß wie er wirklich heißt, er hat nämlich viele Namen und spricht viele Sprachen, er ist aalglatt und unnahbar, mein Gast. Gast – Unfug, niemand hat ihn eingeladen – gerade das ist es ja. Ungebeten, unangekündigt kam er an eines Tages. Wobei, auch das ist nicht richtig. Ich weiß nicht ob er nicht vielleicht schon vor mir da war. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich ihn das erste Mal sah. Wird er noch da sein, wenn ich nicht mehr da bin? Oder kommt er dann gar mit mir? Oh Gott, der Gedanke treibt mir den Angstschweiß in den Nacken.

Meinst du es gibt jemanden, der ihn verschwinden lassen kann, den Mann? Jemand, der ihn vertreibt für mich, wegschickt, oder ihm klar macht, dass er hier nichts verloren hat? Ja? Du meinst so jemanden gibt es? Was? Wählen kann ich den? Ja, wie denn? Ach so… na, der is’ ja von der ander’n Partei, die wähl’ ich doch nicht.

Ah, wirklich? Du meinst, der machen das wirklich? Ja, eigentlich hast du ja auch Recht, was haben die Alten denn je für mich getan, dass ich ihnen meine Stimme nachschmeißen soll. Ändern muss sich was, soviel ist klar, und warum nicht mal den anderen eine Chance geben? Ich tu’s, ich schwör’s dir. Und wenn’s nichts bringt, so ist’s immer noch ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass es so nicht weitergehen kann! Mit meinem Mann im Haus, und überhaupt!

Wo er dann hingeht? Ich weiß es nicht. Er sagt ja auch nichts! Wann ich ihn das letzte Mal gefragt hab’? Hm, ich glaub ich hab ihn nie gefragt. Aber muss ich ja auch nicht, ich hab’ ja auch nichts getan!

Morgen, gleich nach dem Aufstehen schmeiß’ ich ihn raus. Hochkant auch noch! Da wird’s krachen und er wird schon noch sehen, was er davon hat! Einfach so aufzutauchen hier, ungebeten und ungeladen, ohne Passierschein, ich wett’ mit dir, der hat nicht mal einen Ausweis!

Was meinst du? Ach so… wirklich? Na ja, vielleicht löst sich das Problem ja auch von selber. Vielleicht muss ich gar nichts tun, außer geduldig sein. Ja, ich geh doch auch nicht ins Gefängnis wegen so einer Sache. Oder den guten Ruf verlieren, gar nicht auszudenken! Besser ich warte ab. Vielleicht gewöhn’ ich mich auch dran.

 

Zwei Tage später wurde der Herr H. tot in seiner Wohnung aufgefunden. Dahingerafft von seiner Angst vor Überfremdung.

 

Aus: Diffuse Geschichten zum Nachdenken Nr. 5/89

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Professional circus clown turned Liberal Arts major and anarchist.

Posted in Deutsch, Short Stories

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